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Legendäre erste Staffel: Urknall im Container: Als "Big Brother" im Jahr 2000 das Fernsehen für immer veränderte

Auch Menschen, die Reality-TV heute hassen, können sich daran noch erinnern: Als die erste Staffel von "Big Brother" im Jahr 2000 ins deutsche Fernsehen kam, konnte keiner von uns weggucken. Und hinterher war nichts mehr, wie es war.

Big Brother 2000

Zeitgesichter des Trash-TV anno 2000: Zlatko, die Moderatoren Olli Geissen und Aleks Bechtel sowie die drei Finalisten der ersten "Big Brother"-Staffel: John, Andrea und Jürgen (v. l. n. r.)

Picture Alliance

Im Sommer 2000 habe ich Abitur gemacht. Das musste natürlich gebührend gefeiert werden, also machten wir uns mit neun Freunden auf nach Mallorca – wie es sich für 19-jährige Schulabgänger damals so gehörte: zwei Wochen in einem Hotelbunker in Cala Ratjada, keine fünf Gehminuten vom Strand entfernt. So weit, so stumpf, so gewöhnlich.

Aber es gab da etwas, das ganz sicher keine feierlustigen Schulabgänger vor uns jemals gemacht hatten.

Denn abends, beim Vorglühen, wurde täglich nominiert: Dazu zog sich jeder von uns einzeln für ein paar Minuten auf den Balkon zurück und erklärte vor einer Videokamera, welchen seiner acht Mitstreiter er an diesem Tag "rauswählt" und warum. Wer am Ende die meisten Stimmen erhielt, musste am nächsten Tag bei der Nominierung aussetzen und fungierte stattdessen als auswertender Moderator namens Percy Hoven (wer zur Hölle?!?).

"Big Brother": Wir standen alle unter Schock

So lief das über die gesamten zwei Wochen. Der absurde Einfluss, den "Big Brother" damals für einen kurzen Moment auf uns alle ausübte, lässt sich wohl kaum anschaulicher illustrieren. Die erste Staffel der Reality-Show war erst Tage zuvor zu Ende gegangen, und weil sie wie der berühmte Autounfall daherkam, bei dem keiner von uns weggucken konnte, standen wir offenbar noch unter Schock.

Sowas hatten wir schließlich noch nie gesehen: Am 28. Februar 2000 waren seinerzeit die ersten zehn Kandidaten in einen 153 Quadratmeter großen Container in Hürth bei Köln gezogen. RTL II übertrug, besagter Percy Hoven (wer zur Hölle?!?) moderierte, bis zu 7,5 Millionen schauten zu, und am Ende sackte ein berlinernder Bewohner namens John die 250.000 DM Siegprämie ein.

Soweit die nackten Fakten. Aber alles, was damals zwischen Ende Februar und dem großen Finale im Juni jenen Jahres über den Bildschirm flimmerte, veränderte das Fernsehen, wie wir es kannten, für immer. Der interessante Effekt, der sich rückblickend einstellt: Heute sind wir längst so abgestumpft, dass sich beim besten Willen nicht mehr nachvollziehen lässt, was damals so besonders war. 

Weil es seitdem tausendfach wiederholt und in unzähligen ähnlichen Formaten variiert wurde. Was dazu führt, dass sich in der Erinnerung an den dümmlichen Wahnsinn beinahe ein nostalgisches Gefühl einstellt: Wie unschuldig wir als Fernsehkonsumenten doch noch waren!

Wir staunten nicht schlecht über die sogenannten "Bewohner", die kein Problem damit hatten, vor der Kamera zu duschen. Wir hörten dem kölschen Kumpeltypen Jürgen gerne beim Plaudern zu, und wir lachten über den schlichten Zlatko, der sich genüsslich die Brusthaare mit der Nagelschere stutze und noch nie von Shakespeare gehört hatte: "Muss man den kennen?"

Im Gegensatz zum sofort wieder in Vergessenheit geratenen Gewinner John sollte speziell die Popularität des Duos Zlatko und Jürgen schnell alle Grenzen sprengen. Sie sangen Songs wie "Großer Bruder" oder "Ich vermiss Dich (wie die Hölle)" und erreichten damit Gold-Status, es wurden sogar Bücher mit Titeln wie "Zlatko, the brain. Seine besten Sprüche" herausgebracht.

Ein paar Monate wird Zlatko durch die Talkshows von Harald Schmidt bis Stefan Raab gereicht, er kassiert fünfstellige Summen für Autogrammstunden und avanciert zum deutschlandweit bekannten Promi. Bis er 2001 mit seinem Song "Einer für alle" beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest antritt – und scheitert. "Vielen herzlichen Dank, ihr Fotzköpfe", ruft ein gescheiterter "Sladdi" dem Publikum zu.

Zlatko ist bei "Promi Big Brother" eingezogen.

Zlatko und Jürgen waren dabei – aber wir auch

Der Anfang vom Ende einer kurzen Trash-Karriere, die heute wie eine Blaupause für seine zahlreichen Nachfolger wirkt, weil sie die 15 Minuten Ruhm zum Prinzip erhoben hat. Ebenso wie der Werdegang von Jürgen, der für die andere Seite des Spektrums steht: Geschickt hangelt er sich fortan als Moderator oder Teilnehmer von Format zu Format, längst soll der frühere Feinblechner beim Autobauer Ford ein Multimillionär sein.

So unterschiedlich ihre Wege im Anschluss an den Urknall auch waren: Zlatko und Jürgen stehen stellvertretend für die erste Staffel von "Big Brother", die alles verändert hat. Sie können behaupten, dass sie dabei waren. Aber irgendwie können wir, die Jungs von der Mallorca-Crew 2000, das auch. Womit über den Reiz des Reality-Fernsehens wahrscheinlich alles gesagt wäre.

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