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Let’s play fucking Bingo!: So trashig, dass es wieder cool ist: Bingo ist das neue Party-Phänomen. Echt jetzt!

Ihr denkt, Bingo sei nur was für alte Leute? Falsch! Unsere Reporterin hat eine Partie auf Ibiza mitgespielt.

Von Nele Justus

Pool-Party und Bingo-Partie in einem – und Konfettiregen gibt's für die Insta-Show

Pool-Party und Bingo-Partie in einem – und Konfettiregen gibt's für die Insta-Show

Zu sagen, er sei etwas blass, ist noch eine freundliche Untertreibung. Kalkweiß trifft es schon eher. "I feel sick!", sagt Jonny Bongo, 33, in seinem schwarz-weiß gestreiften T-Shirt und den Cargo-Pants, die er zu jedem Auftritt anzieht. Jonny, ein Ire aus Belfast, ist einer dieser großen Typen mit vollem Bart, tätowierten Armen und Bierbauch, die nichts so leicht umhaut, außer vielleicht noch größere tätowierte Typen, die beim Bierbauchantrinken einen zu viel genommen haben.

"I’m fucking nervous", brummt er jetzt. Es sei jedes Mal der gleiche Mist. Vor jeder Show würde er sich am liebsten über die Kloschüssel hängen.

Macht er aber nicht. Stattdessen nimmt er, kurz bevor er die Bühne betritt, ein paar Schlucke von der Medizin seines Vertrauens: Buckfast Tonic Wine, von den Benediktinermönchen in Buckfast Abbey in Devon hergestellt, wie man auf dem Etikett der braunen Flasche lesen kann, wo es weiter heißt, dass der Tonic-Wein keine gesunden oder medizinischen Eigenschaften habe, dafür aber einen Extraschuss Koffein und 15 Prozent Alkohol. Immerhin.

In Liverpool, Manchester, Blackpool und Birmingham ist Jonny Bongo, der im echten Leben natürlich nicht Bongo, sondern Lacey heißt, so etwas wie ein Partygott. Einer, mit dem sie alle abfeiern wollen. Mehr als eine Million Tickets hat er bereits unter die Leute gebracht. Jede seiner Bongo’s-Bingo-Shows ist schon Monate vorher ausverkauft, der Rekord lag übrigens bei unter drei Minuten.

In den ersten beiden Jahren hätte er noch jede Show allein geschmissen, erzählt Jonny. "Ich dachte, ohne mich läuft das nicht. Aber irgendwann ging es nicht mehr. Jede Woche fünf Veranstaltungen in fünf unterschiedlichen Städten, und das über Monate: Ich hatte Augenringe bis in die Kniekehlen. Da musste ich lernen abzugeben."

Ibiza: Pool-Party mal anders – durchdrehen beim Bingo
Die Fab Four: Slutty Susie im roten Kleidchen, Jonny Bongo im Gestreiften, Horny Heidi in Grün und ganz unten Henry Hoover, der heimliche Star der Veranstaltung

Die Fab Four: Slutty Susie im roten Kleidchen, Jonny Bongo im Gestreiften, Horny Heidi in Grün und ganz unten Henry Hoover, der heimliche Star der Veranstaltung

Jonny, der Entertainer, und sein Partner Joshua Burke, das Businessbrain, haben ausgerechnet mit Bingo, dem Spiel der alten Leute, einen Hype unter den Jüngeren geschaffen, ein "Party-Phänomen", wie britische Zeitungen schreiben. "Und absurderweise wird das von Jahr zu Jahr nur noch größer!", sagt Jonny und schüttelt leicht den Kopf. Aber weil das Geschäft nun schon mal so gut läuft, arbeiten er und Josh daran, ihre Party­reihe zu internationalisieren. Vielleicht spielen wir also bald auch in Deutschland alle Bingo.

In Dubai, Sydney, Paris, Amsterdam waren sie schon. Jetzt sitzt Jonny vor mir auf Ibiza, im Backstage-Bereich des Ibiza Rocks, einem "Adults only"-Hotel, das für seine ausschweifenden Poolpartys  legendär ist und vor allem von jungen Briten frequentiert wird. Wenn man so will, hat Jonny hier, drei Flugstunden von seiner Heimat entfernt, also eine Art Heimvorteil. Das mindert seine Aufregung allerdings nur wenig. Heute ist die Opening-Party, der Saisonstart. In einer solchen Location waren sie noch nie. Poolparty ist auch neu, und dass eine Show schon am Nachmittag startet und nicht wie sonst erst abends, ist ebenfalls ein Novum. Dabei muss das heute krachen, es steht viel auf dem Spiel. Aber hey, wie sagt man so schön? No pressure.

Gekommen, um zu feiern

Draußen stehen sie schon Schlange: Typen in Shorts, Adiletten und offenen Hawaiihemden, die nach viel zu viel und viel zu süßem Parfum riechen. Neben ihnen Mädels in knalligen Bikinis, kurzen Röcken, mit aufgespritzten Lippen und glitzernden Strasssteinen im Gesicht. Von Understatement hält niemand etwas, das wird schnell deutlich. Und auch: Wer hier ansteht, hat sich für den heutigen Tag eine Menge vorgenommen – nicht nur beim Bingo.

Sind die Gäste erst mal drinnen,  bekommen sie ihr Bingoheft in die Hand gedrückt. Und dann geht es mit einem Umweg – nicht über Los, sondern über die Bar, wo es das Pils für 8,50 Euro oder den 1,5-Liter-Krug Frozen Margarita für 25 Euro gibt – an die langen Bierbänke und Tische zum Vorglühen unter den Sonnensegeln in der Mittagshitze.

Ich setze mich an einen der Tische direkt vor die Bühne. Neben mir: Vicky aus Manchester, 25, die mit einem Tuch um die Hüften ihre Bikinihose verdeckt und so schon fast züchtig angezogen ist. Vicky, das lerne ich schnell, dürfte als Bingo-Vollprofi durchgehen. Achtmal war sie schon bei den Bingopartys am Start. Wieso? "Weil das was anderes ist, viel besser, als mit denselben Freunden in den immer gleichen Pub zu gehen. Es ist ein Event, das in Erinnerung bleibt." So wahr. Nun ist sie extra mit einer Freundin nach Ibiza gereist. "Nur um hier mitzufeiern. It’s just so much fun!", sagt sie. Und sie muss es ja wissen. Als Profi.

"Hast du ein paar Tipps für mich?", frage ich sie. "Achte darauf, dass dein Heft trocken bleibt", antwortet sie, nachdem sie eine Weile nachgedacht hat. "Wenn erst einmal alle tanzen, kippen die Becher reihenweise um, und es gibt eine Bierdusche nach der anderen. Und ist das Heft nass, ist game over." Dann fügt sie hinzu: "Ach ja, und noch eins: Ruf nur Bingo, wenn du dir wirklich sicher bist. Wenn du dich irrst, schreien alle 'dickhead', das kann richtig peinlich werden. Ist mal einer Freundin von mir passiert." Öffentliche Demütigung ist also auch ein Teil des Spiels.

Einhörner und Konfettiregen – alles nur für Instagram

"Whoop, whoop!" fangen die ersten Gäste an zu rufen. Und immer mehr whoopen mit. Die Musik wird aufgedreht, zwei Männer in Frauenkleidern und blonden Perücken stürmen die Bühne, Slutty Susie und Horny Heidi, wie Jonny sie später vorstellen wird, die Animierdamen oder die Anheizer, wie auch immer man die beiden nennen will. Und dann kommt der Partygott himself und kommandiert: "On your feet! Put your drinks in the air!", und schon stehen alle auf den Bänken und schwenken ihre nicht mehr allzu vollen Plastikbecher. "Are you fucking ready for Bingo?", grölt Jonny ins Mikro, und die Menge schreit: "Yeaaaaaah!" Jonny nimmt noch einen Schluck Buckfast Tonic Wine, für die Nerven: "Alright, let’s do it then, let’s play fucking Bingo!" Aber erst tanzen wir uns mit "Carnaval de Paris" in die richtige Stimmung, nicht, dass das nötig gewesen wäre.

Für alle, die Bingo nicht kennen: Es ist ein simples Spiel. Das macht den Charme aus. Weil es jeder spielen kann, selbst mit drei Atü auf dem Kessel. Pro Runde gibt es einen Zettel mit fünf Kästen, und in jedem Kasten sind drei Reihen mit jeweils fünf Zahlen. Die muss man abhaken, um zu gewinnen. Wer erst eine, dann zwei oder am Ende drei Reihen voll hat, ruft, ihr könnt es euch denken: Bingo! Mehr Zauber ist nicht. Eigentlich. Denn Jonny hat dem angestaubten Rentnerspiel ein Makeover verpasst. Bei seiner Version hat er manchen Zahlen Songs zugeordnet. So wird das Spiel regelmäßig unterbrochen, damit man wieder durchdrehen kann. Mit Ansage sozusagen. Es gibt Intervalle mit Rave-Einlagen, Konfettiregen, Titel aus den 90ern, bei denen man sich abwechselnd in den Armen liegt ("I Don’t Want to Miss a Thing", Aero­smith), um dann wieder mitzugrölen ("We Are Going to Ibiza", Vengaboys). Dazu batteln sich die Gäste beim Dance-off um die Preise, wenn zufällig zwei gleichzeitig ihre Reihen vollgekriegt haben. Die Sieger gewinnen Geld, cash auf die Hand, aber auch überlebensgroße Plüscheinhörner, doppelseitige Dildos, Karaoke-Maschinen und Coco-Pops. "Damit ihr wenigstens etwas zum Frühstücken habt, wenn ihr morgen neben einem Fremden aufwacht", sagt Jonny. Das wahre Geheimnis aber ist, dass der ganze Spaß so instagramable inszeniert ist, dass jeder unentwegt Storys postet, um den Daheimgebliebenen zu zeigen, dass man eine verdammt geile Zeit hat. Und wer gelangweilt zu Hause sitzt, denkt: Scheiße, geil, da muss ich auch mal hin! So schafft Jonny mit seiner Gästeschar Begehrlichkeiten.

"Number 26, two six", raunt Jonny in sein Mikro. Wir sitzen konzentriert vor unseren Heften und suchen die Zahl auf dem Spielzettel. Auch eine, die eben ihrer Nebenfrau noch im Takt auf den Hintern gehauen hat, macht jetzt brav bei der Stillarbeit mit. "Number 45, four, five", geht’s nach wenigen Sekunden weiter. "Number 5, ‚Stayin’ Alive‘", sagt Jonny – und schon stehen wieder alle, während die ersten Takte des Bee-Gees-Klassikers durch die Lautsprecher dröhnen und die Nebelmaschine aus vollen Rohren bläst. Zwei Minuten abzappeln, dann ruft Jonny: "Number 73", und zack, zack setzen sich wieder alle hin, nicht, dass man eine wichtige Zahl verpasst.

Es ist ein Auf und Ab. Kreuzen und sitzen, stehen und tanzen. Jedes Mal etwas ausgelassener. "Bingo!", kreischt es auf einmal von links aus einer Gruppe, in der alle schwarze Bikinis tragen, bis auf eine, in Weiß, mit Schleier. Junggesellinnenabschied. Nicht der einzige heute hier. Karen, 56, die zukünftige Schwiegermutter der Braut, macht sich auf den Weg zur Bühne und bekommt im Konfettiregen einen verpackten Staubsauger mit Gesicht in die Hand gedrückt, den Henry Hoover. "Henry Hoover, Henry fucking Hoover", johlt das Publikum. Und Karen hält siegestrunken den Karton in die Höhe. Sie öffnet ihn, nimmt den Staubsaugerschlauch in den Mund, und fängt an, vor der immer lauter jubelnden Menge dem Haushaltsgerät einen zu blasen. Das ist mal eine innige Beziehung zwischen Mensch und Maschine. Das Publikum rastet aus, hält mit den Smartphones voll drauf, und die Frauen des Junggesellinnenabschieds krakeelen so laut wie sonst wahrscheinlich nur beim Backstreet-Boys-Konzert. "Den kriegen mein Sohn und seine Frau zur Hochzeit geschenkt!", sagt Karen, noch etwas außer Atem, als sie wieder bei der Gruppe ankommt. "Oh, this is so hilarious! Don’t you think?" Über Humor lässt sich eben streiten.

"Wir nehmen uns nicht allzu ernst", hatte Jonny mir vor der Show gesagt. Und sein Publikum tut das anscheinend auch nicht. Vielleicht ist es das, was Bongo’s Bingo ausmacht, denke ich. Dass es nicht einmal ansatzweise versucht, anspruchsvoll zu sein.

Dass es so trashig ist, dass es schon wieder cool ist. Man kann völlig ungehemmt die Sau rauslassen. Wo geht das sonst, außer vielleicht im Fußball­stadion, wenn man den Schiri bepöbeln darf, ohne mit Konsequenzen rechnen zu müssen? Und hier fällt man nicht einmal auf, wenn man sich völlig danebenbenimmt, weil alle das Gleiche tun – auf der Bühne und davor.

On stage zieht sich Slutty Susie gerade ihr Kleid aus, obenrum, lüftet den Rock, untenrum, und greift sich beherzt in den Schritt. Grölen. Vor der Bühne liegt eine Frau auf dem versifften Boden, mitten in Bier, Dreck und Konfetti, was sie aber wenig kümmert, weil ihre Freundin gerade über ihrem Kopf die Hüften kreisen lässt. Noch mehr Grölen. Ihr denkt, das sei nicht euer Ding? Sagt das nicht zu früh, denn das kollek­tive Durchdrehen steckt irgendwie an. Und es schweißt zusammen. Ich teile mir die Drinks mit meinen Sitznachbarn, wir liegen uns zu "Angels" von Robbie Williams in den Armen, stützen die Frau vom Nebentisch, als sie volltrunken von der Bank zu kippen droht, und Tracey, 45, aus Southampton, erzählt mir in der Schlange vorm Klo ihre halbe Lebensgeschichte. Nach gut drei Stunden sind wir alle ziemlich beste Freunde.

"Letztes Spiel", ruft Jonny von oben. Seine Flasche Buckfast Tonic Wine ist nun schon zur Hälfte leer, die Wangen sind rot, der Gesichtsausdruck gelöst. "Der Hauptpreis sind 500 Euro. Ihr wisst, Geld ist nicht alles. Geld ist nicht wichtig. Geld macht uns nicht aus." Wow, denke ich, jetzt kriegt die Veranstaltung zum Ende sogar noch etwas Tiefgang. Dann fährt Jonny fort: "But with 500 Euros you can party all night long with fucking every­body!" Und alle wieder so: "Yeaaaaaah!" In dem Moment bricht mein Kugelschreiber entzwei, mit dem ich den ganzen Tag Notizen gemacht habe. Das ist ein Zeichen der Bingogötter,  denke ich, die mir nämlich ganz eindeutig sagen wollen: genug gearbeitet. Du bist doch auch zum Spaß hier. Recht haben sie. Let’s play fucking Bingo!

Diese Geschichte stammt aus der 13. Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier