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J. Peirano: Der geheime Code der Liebe: Mein Mann kreist nur noch um seinen Beruf - ich fühle mich vernachlässigt

Für viele Menschen ist die Beziehung das Wichtigste in ihrem Leben. Für Ninas Mann ist das aber gerade sein neuer Job. Ist es egoistisch von ihr, auch etwas von ihrem Mann haben zu wollen?

Wenn die Arbeit vor den Partner gestellt wird, leidet die Beziehung (Symbolbild)

Wenn die Arbeit vor den Partner gestellt wird, leidet die Beziehung (Symbolbild)

Getty Images

Liebe Frau Dr. Peirano,

Mein Mann und ich verstehen uns eigentlich sehr gut, aber seit einiger Zeit kriselt es bei uns. Er hat einen neuen Job mit Führungsaufgabe angefangen (300 km entfernt) und kommt nicht mal jedes Wochenende nach Hause. Wenn er da ist, ist er müde und dauernd am Handy und Computer. Mir hat er mehr oder weniger gesagt, dass das noch mindestens ein halbes Jahr dauert und er gerade "den Kopf nicht frei hat für unsere Beziehung". 

Wenn ich dann mehr mit meiner Schwester mache oder zum Sport gehen will, ist ihm das aber auch nicht Recht. Irgendwie erwartet er wohl, dass ich mich um ihn kümmere. Das ist aber nicht einfach, denn er ist belastet, hat Sorgen und ist ungeduldig. Die neue Arbeit läuft wohl nicht ganz so, wie er sich das vorgestellt hat. Ich habe auch nicht die Kraft, ihn zu unterstützen und zu trösten, denn ich ziehe auch gerade keine Kraft aus unserer Beziehung.

Dazu kommt, dass wir eigentlich jetzt probieren wollten, ein Kind zu bekommen. Das kann ich wohl gleich vergessen.

Ich fühle mich vernachlässigt und traurig, und manchmal bricht es alles aus mir heraus und ich mache ihm Vorwürfe. Er ist dann völlig fertig und zieht sich zurück.

Was raten Sie mir, wie wir mit der Situation umgehen können?

Viele Grüße,

Nina S.

Liebe Nina S.,

Ich denke, dass es am geschicktesten wäre, die Situation als das zu benennen, was sie ist: ein Ausnahmezustand. Sie und Ihr Mann haben sich dafür entschieden, dass er die berufliche Veränderung auf sich nimmt. Es klingt so, als wenn das einen Karrieresprung für ihn bedeutet, und das wäre sicher auch für Ihre Familienplanung von Vorteil. Also müssen Sie beide da durch, jeder auf seine Art.

Ihr Mann muss sich für einige Monate richtig in seine neue Aufgabe hineinknien, und das fordert gerade seine gesamte Aufmerksamkeit. Ihm geht es nicht gut, er spürt die Grenzen seiner Kräfte. Und auf eine ganz andere Art spüren Sie auch, wie viel Energie Ihnen entzogen wird, weil Sie keine Kraft aus der Beziehung ziehen, sondern Ihnen Energie abgezogen wird. Sie kommen in die Rolle der Unterstützerin und emotionalen Versorgerin, und Ihre eigenen Pläne (ein Baby zu bekommen) müssen Sie erst einmal verschieben.

Eine Veränderung steht nicht zur Debatte (z.B. dass er kündigt) und wäre sicher auch kein kluger Schritt. Also wäre es jetzt wichtig, den Ausnahmezustand möglichst ohne Kollateralschaden zu überstehen. Wenn aber beide wissen, dass es ein Ausnahmezustand ist, dann sind die Erwartungen automatisch niedriger, und Sie werden nicht so leicht enttäuscht. Deshalb sollten Sie sich das und das voraussichtliche Ende vor Augen halten.

Es wäre gut, wenn Sie einige Spielregeln für diese Zeit vereinbaren.

1)  Es ist aus meiner Sicht nicht förderlich, die Beziehung für ein halbes Jahr auf Eis zu legen und sich nur emotional und organisatorisch versorgen zu lassen. Das würde bei Ihnen zu einem tiefen Gefühl der Vernachlässigung, zu Frust und Groll führen. Deshalb wäre es besser, im Gespräch zu bleiben, um die Nähe zwischen Ihnen nicht zu gefährden.

Es gibt eine Möglichkeit, das zu tun, die nicht einmal zu viel Zeit kostet, aber die Beziehung bereichert: ein regelmäßiges Zwiegespräch. In dem Buch: "Die Wahrheit beginnt zu zweit" von Michael Lukas Moeller wird genau beschrieben, wie ein solches Zwiegespräch geführt werden kann. Eine Struktur ist hier nämlich sinnvoll, damit das alte Muster (entweder: Ihr Mann erzählt nur von seinen Sorgen und hat keine Ohren für Sie oder Sie machen ihm Vorwürfe, weil Sie so unzufrieden sind) durchbrochen werden.

Kurz gesagt verabredet sich das Paar am besten für einen festen Abend (z.B. immer Donnerstags) oder ein paar Tage vorher für diesen Termin. Es wird für eine gemütliche Atmosphäre gesorgt (Telefon auf Flugmodus, Tee oder Wein, Türen zu) und dann hat jeder ungefähr 45 Minuten Zeit, um von sich zu erzählen. Was beschäftigt mich, wie fühle ich mich, was freut mich, was macht mir Sorgen… Das wären die Inhalte. Und der andere hört einfach aktiv zu und versucht nur, zu verstehen, wie der Partner sich fühlt.

Es geht gerade nicht darum, Dinge zu planen, Probleme zu lösen oder Konflikte anzusprechen, sondern um einen emotionalen Austausch. Man könnte dieses Bild bemühen: Einer erzählt, der andere ist so etwas wie ein ruhiger, verständnisvoller Therapeut oder der "Dalai Lama" oder eine ruhige Mutter mit viel Geduld. Sie werden feststellen, wie dieses Gespräche die Zufriedenheit mit der Beziehung verbessern. Nicht umsonst ist das Buch ein paartherapeutischer Klassiker.

2) Es wäre gut, die wichtigsten Erwartungen aneinander zu klären. Was genau will Ihr Mann von Ihnen? Will er einen störungsfreien, aufgeräumten Haushalt vorfinden mit vollem Kühlschrank? Wenn ja: Wäre es Ihnen Recht, die Rolle für eine begrenzte Zeit zu übernehmen? Und wenn ja, unter welchen Bedingungen?  Was möchten Sie von Ihrem Mann? Wo ist seine Energie am wichtigsten? Sprich: Ist es wichtig, dass er etwas repariert oder einkauft, oder wollen Sie sich einfach abends noch einmal eine halbe Stunde an ihn ankuscheln?

3) Machen Sie einander klar, wie der Grad an Gemeinsamkeit ist. Planen Sie oder benennen Sie, wann Sie 

a) etwas gemeinsam machen wie z.B. gemeinsam einen Film schauen, spazieren gehen, in Ruhe essen

b) bewusst nebeneinander her leben (z.B. er ist am Computer, Sie lesen oder telefonieren) 

Oder c) voneinander getrennt sind.

Es kostet viel Energie, wenn in Modus b) einer darauf wartet oder unbewusst darum kämpft, dass a) oder c) eintritt. Z.B. Ich beeile mich im Arbeitszimmer, weil ich unbewusst hoffe, dass mein Partner und ich  uns dann gemütlich hinsetzen und uns nah sind. Mein Partner aber will das nicht, sondern wäre froh und erleichtert, wenn er einen halben Tag für sich hätte. Ihn setzt es unter Druck, wenn ich auf ihn warte.

Vereinbaren Sie, welche Zeiten für Sie beide sind (a) und wie Sie diese Zeiten nutzen wollen. Z.B. Abends um 8: eine halbe Stunde schweigendes Walken, Mittags um 13 Uhr: gemeinsam essen, ohne über die Arbeit zu sprechen, Dienstag Abend ab 19.30: gemeinsam einen Spielfilm sehen.

4) Besprechen Sie, wie Sie mit Ihrem Mann umgehen möchten, wenn er schlechte Laune und Stimmungsschwankungen hat. Wie fühlen Sie sich dann? Sind Sie genervt, unter Druck oder hilflos, weil Sie nicht genau wissen, was er erwartet? Oder ärgert es Sie, dass er nicht auf Sie hört oder Ihre Bemühungen nicht wertschätzt? Hier wäre es auch wichtig, Absprachen zu treffen wie z.B. "Wenn ich merke, dass du wieder genervt bist, ziehe ich mich zurück und lasse dich in Ruhe. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es nichts bringt, wenn ich dich aus dem Zustand herausholen möchte, und das frustriert mich und kostet Kraft."

Insgesamt ist es wichtig, dass Sie miteinander auf einen gemeinsamen Nenner kommen, wie Sie diese Zeit überstehen wollen. Und es wäre gut, wenn sich beide an die Absprachen halten, damit Vertrauen entsteht.

Herzliche Grüße,

Julia Peirano

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